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DIE ZUKUNFT DES BIO-LANDBAUS

„Jede Sekunde abstimmen, wie es auf der Welt weitergehen soll“

Ernährung und Landwirtschaft gehören zu den zwei zentralen Themen der Gegenwart - und der Zukunft. An deren Entwicklung wird sich die Zukunft unserer Welt entscheiden. Im nachfolgenden Interview erläutert Bio-Pionier Werner Lampert seine Visionen einer großflächigen nachhaltigen Landwirtschaft, die im Einvernehmen und in gegenseitiger Rücksichtnahme mit dem Konsumenten funktioniert. Und wie wichtig es ist, mit Kindern und Jugendlichen über Verantwortung und Haltung zu sprechen und die große, subversive Mobilisierungskraft der neuen Medien zu nutzen.


Bis vor einem Jahrzehnt waren Bio-Produkte nur einer eher kleinen Schicht an Konsumenten vorbehalten. Dies hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Auch dank Produktlinien wie „Zurück zum Ursprung“ sind Bio-Produkte nun auch in der breiten Bevölkerung angekommen und beliebt. Ist es möglich Bio-Lebensmittel für alle Menschen zu schaffen?

Wenn sie mir diese Frage im Jahr 1994 gestellt hätten dann wäre meine Prognose gewesen, dass sich die österreichische Bevölkerung in den nächsten zwanzig Jahren von rund 50 bis 60 Prozent Bio-Produkten ernährt. Da sind wir heute leider weit  davon entfernt.
Wenn Lebensmittel unter Preisdruck in die Preisdiskussion geraten, dann gewinnen immer jene Produkte, aus denen die Natur vertrieben wurde. Denaturalisierte Lebensmittel lassen sich schließlich viel effektiver herstellen als biologische Produkte. Wenn man jedoch begreift, dass Lebensmittel mit Wohlbefinden, mit der Gesundheit des Menschen zu tun haben, dann gibt es einfach keine Alternative zu biologischen Lebensmitteln.

Meine Theorie ist heute eine andere. Ich denke, wir werden in Europa spätestens in 20 Jahren die größten Versorgungsengpässe mit Lebensmitteln haben. Wenn die Landwirtschaft so weiter betrieben wird wie jetzt, dann kommen wir in D-Zug-Schnelligkeit in diese Schwierigkeiten hinein.
Die kommenden Jahre werden die Letzten sein, wo es noch zur landwirtschaftlichen Wende kommen kann. Und dabei gibt es keine Alternative zur biologischen, regional verankerten Landwirtschaft.
Vorher sollte man aber eine andere Herausforderung lösen. Nämlich jene, dass biologische Landwirtschaft per se nicht nachhaltig ist. Es bedarf also nicht nur einer Landwirtschaftswende hin zur biologischen, sondern auch zu einer vernünftigen und nachhaltigen Landwirtschaft.

Was sagen sie zu dem Argument, nur die kleinteilige Landwirtschaft, der kleinstrukturierte Bauer vertreten den „wahren“ Bio-Grundsatz und nicht die „großen“, industrialisierten Bio-Bauern?

Dieses Argument ist aus einer Dummheit genährt und hat eher mit Neidreflexen zu tun. Das ist ein soziologisches, kein Qualitäts-Thema. Ich habe einen Freund der über ein paar hundert Hektar Fläche verfügt und seit 1982 biologisch anbaut. Ich kenne niemanden, der sorgfältiger mit Tier und Boden umgeht als er.
Wenn ich an eine biologische Landwirtschaft denke, die uns in die Zukunft führen wird, dann gibt es zu dieser Art von großflächiger Bio-Landwirtschaft, wie er sie führt, keine Alternative. Und ich kenne kleine Bio-Bauern, die ganz schrecklich mit ihren Tieren umgehen und ihren Hof nicht im Griff haben. Kleinteilige Landwirtschaft alleine ist selbstverständlich kein Qualitätskriterium. Das ist eher etwas das zu Propagandazwecken genutzt wird. Dabei wird Missgunst geschürt als dass es inhaltlich richtig ist.
Auf der anderen Seite bin ich überzeugt davon, dass die alpine Landwirtschaft in Österreich, gerade wenn wir an den Klimawandel denken, in Zukunft unser größtes Kapital sein wird. Und die alpine Landwirtschaft ist in ihrer Mehrheit natürlich kleinstrukturiert.

Glauben Sie ist „Regio das neue Bio“?

Regionalität darf nicht als chauvinistischer Akt betrachtet werden. Davon halte ich gar nichts. In der dritten Welt werden Produkte hergestellt und Europa als Abnehmer benötigt wird. Im Süden Europas wird Obst produziert, das es in unserer Region nicht gibt und wir im Winter brauchen. Wir sollten uns nicht abkapseln, keine Mauern errichten. Selbstverständlich gibt es aber generell keine Alternativen zu einer regionalen Landwirtschaft, einer regionalen Versorgung von Lebensmitteln. Denn die industriell agierende Landwirtschaft wird uns in Zukunft nicht mehr ernähren können...

Was wird dann passieren?

Wenn wir vernünftig, gut gehandelt haben, dann werden wir in Zukunft über eine lebendige, regionale Landwirtschaft verfügen, die uns gut versorgen wird können. Die Regale werden voll bleiben und es wird alles geben, was der Mensch braucht, um glücklich zu sein. Und das Gute daran wird sein: der Konsument wird wissen, woher seine Lebensmittel kommen. Er wird den Bauern kennen der die Produkte hergestellt hat. Es wird keine anonyme Lebensmittelindustrie dahinter stehen, sondern konkrete Menschen, die für ihn Lebensmitteln produziert haben.

Sie meinten, die Bevölkerung sei noch weit weg davon sich mit rund 50 Prozent von Bio-Lebensmitteln zu ernähren. Haben sie nicht dennoch das Gefühl, dass wir uns gerade in einer Umbruchsituation befinden, am Weg hin zu einem Wandel in Richtung eines verantwortungsvolleren Lebensstils ?

Der Zeitgeist beinhaltet es ja, sich stets schon dem nächsten Thema zu widmen. Darin besteht natürlich auch eine Chance für ihren angesprochenen Bewusstseinswandel ... aber auch eine Gefahr. Ob sich wirklich etwas zum Positiven verändern, entwickeln wird, weiß ich nicht. Ich würde es mir jedenfalls wünschen.
Ich glaube, die Art und Weise, wie wir Menschen unsere Leben führen – Stichwort Klimawandel, Bevölkerungsexplosion – wird uns letztendlich in eine Wende zwingen. Nicht der Zeitgeist wird uns zum Umdenken bewegen, der wird in fünf Jahren wieder ein anderes Thema erobern.
Wenn wir den Wandel aus einer geistigen Haltung heraus schaffen würden, dann wäre das grandios. Wir könnten dabei auch noch andere wichtige Dinge miteinfließen lassen, die nicht unmittelbar mit Landwirtschaft und Essen zu tun haben. Die Landwirtschaft kommt ja eigentlich aus der Mitte der Kultur. Dieser Wandel wäre eine große Chance unser Leben freudvoller, lustvoller zu machen.

Vertrauen ist das Fundament zum Lebensmittel. Zu zeigen, wer hinter dem Produkt steht, Transparenz zu schaffen, liegt darin der Schlüssel zum Vertrauensgewinn?

Absolut. Mit der Vorstellung, dass hinter jedem Produkt ein Mensch steht der Arbeit geleistet hat, wird Vertrauen geschaffen. Niemand vertraut in ein anonymes System. Transparenz ist deshalb das Um und Auf. Transparenz schafft Nähe. Wenn ich jemanden kenne, der für mich etwas tut, schaffe ich emotionale Nähe. In der Nähe passiert die Rücksichtnahme...

 

Interview: Helmut Wolf