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DIE VERANTWORTUNG DES EINZELNEN

„Mit jedem Kauf von einem Produkt, stimmt der Konsument darüber ab, ob er zufrieden ist damit, wie dieses hergestellt wurde."

Sie sagen oft, dass Konsumenten und Produzenten stärker zusammen rücken müssen ...

Für den weltweit agierenden Handel hat die Anonymität bisher oberste Priorität gehabt. Die Aufhebung der Identität des Herstellers war für ihn das Allerwichtigste. Alles war zu jeder Zeit austauschbar: wo war der Preis billiger – und sofort hat er dort gekauft, wurde der andere fallen gelassen. Es war ein Paradies und gleichzeitig die Sackgasse. Aber mit dieser Art von Handel ist es nun vorbei.
Es wird eine Plattform von Produzenten und Konsumenten geben müssen, wo sich beide Seiten begegnen. Sie werden verstehen was die Bedürfnisse des jeweils anderen sind, werden lernen Rücksicht zu nehmen. Das Ergebnis dieser Zusammenkunft wird sein, dass beide ein gutes Leben haben werden.
Die Bauern werden verstehen, dass sie mit ihrer Arbeit verantwortlich sind für die Gesundheit, für das Wohlbefinden der Konsumenten. Und die Konsumenten werden begreifen, dass ein konkreter Mensch, eine Familie dafür Sorge trägt, dass ordentliche Ernährung hergestellt wird. Und es wird Verständnis erzeugt, dass diese Familien am Bauernhof ein zufriedenes Leben führen müssen, um die Produktqualität zu halten und den Hof weiterführen zu können. Es gibt keine Alternative zu dieser Entwicklung.
Es gibt den Begriff der Verantwortungsethik, wie es Max Weber genannt hat. Dorthin müssen wir uns entwickeln. Es gilt zu begreifen, dass jede Handlung, die ich setze, eine Auswirkung und Nebenwirkungen hat. Dies sollten wir in unser Tun und Handeln miteinbeziehen. Nur dann werden wir überleben können.

Schlagwort Klimawandel und Bevölkerungsexplosion. Diese durchaus bedrohenden Entwicklungen sind brennend aktuell, dennoch motivieren sie die Mehrheit der Menschen nicht zum Umdenken. Angstszenarien skizzieren funktioniert anscheinend nicht, um einen Bewusstseinswandel herbeiführen zu können. Glauben Sie, könnte das Aufzeigen positiver, genussvoller Beispiele und Alternativen mehr bewirken?

Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass eine der derzeit erfolgreichsten Zeitschriften in Deutschland das Magazin Landlust ist. Die Leute, die dieses Magazin machen, sind von ihrem Erfolg völlig überrascht. Dabei stellt sich heraus, dass diese Form von medialer Berichterstattung eine Möglichkeit sein kann, sich Themen zu widmen, die den Menschen keine Angst machen. Elemente wie Wohlbefinden, heimische Gefühle, Regionalität, das Gefühl zu Hause zu sein, das sind Dinge die uns Menschen ansprechen und gut tun.
Auf der anderen Seite habe ich auch andere Erfahrungen gemacht. In den neunziger Jahren, wo wir noch einen Rundfunk und ein Fernsehen mit mutigen Themen hatten, gab es eine Tiersendung, die aufgezeigt hatte, wie mit Schlachttieren umgegangen wird. Dabei sah man die schrecklichsten Bilder. Und ich glaube, die Menschen haben danach stundenlang geweint. Und am nächsten Tag sind sie einkaufen gegangen und haben das billigste Fleisch genommen... Nein, wir werden über Angstbilder keine Veränderung herbeiführen.

Als ich 1994 mit Bio-Produkten (Ja! Natürlich) begonnen habe, habe ich viele Zuschriften von Eltern bekommen, in denen mir mitgeteilt wurde, dass ihr Sohn oder ihre Tochter sie plötzlich förmlich dazu zwingt Bio-Produkte zu kaufen. Damals war ich auch sehr oft bei Kindern und Jugendlichen in Schulen. Und genau dort müssen wir ansetzen: in den Schulen. Kinder sind sehr offen, sehr neugierig und sie begreifen schnell, dass die Entwicklung der Landwirtschaft und der Ernährung etwas mit ihnen und ihrer Zukunft zu tun hat. Werte wie Verantwortung übernehmen, Haltung bewahren sind Tugenden, die junge Leute gerade in der Pubertät begeistern. In diesen Werten fühlen sich jungen Menschen zuhause. Die Kinder leiden darunter, dass das, was die Erwachsenen sagen, keinen Bestand hat in ihrem Leben. Die Weisheiten der Erwachsenen haben selbst bei den Erwachsenen keinen Bestand. Dieses konfuse System der Erwachsenen führt die jungen Menschen in Schwierigkeiten. Hier anzusetzen wäre ein Weg, der meiner Meinung nach in eine positive Zukunft führen würde.

Apropos Jugendliche und deren starker Zugang zu den neuen Medien und zum Internet. Wie schätzen Sie die Kraft von Facebook, Twitter und Co. und deren Einfluss auf die Sachpolitik ein?

Durch die neuen Medien können wir erleben, wie groß die Mobilisierungskraft ist. Ich denke, darin liegt eine große Chance, die wir nützen müssen. Hier kann viel bewegt werden. Seit vielen Jahren beobachte ich, wie unglaublich toll die Möglichkeiten der neuen Medien sind. Bis jetzt gehen wir aber noch nicht sehr intelligent damit um. Wir behandeln und gestalten die neuen Medien wie Print-Zeitschriften. Das ist aber total falsch. In den neuen Medien steckt eine enorme, subversive Kraft, diese sollte man nützen. Hier gibt es noch ein gewaltiges Potenzial zu erobern. Gerade bei der Handhabung gibt es noch großen Nachholbedarf.

Klassische Organisationen der Zivilgesellschaft, wie Parteien, Vereine usw., werden zumeist von Erwachsenen geführt. Über die neuen Medien gebe es erstmals auch für junge Menschen die Möglichkeit der aktiven Mitgestaltung in der Gesellschaft...

Gesellschaftspolitisch bewegt sich derzeit leider gar nichts. Ich meine: der Ort, wo sich der Kapitalismus in seiner Urgewalt ereignet, ist die Landwirtschaft. Nirgendwo, nicht einmal in China oder Indien, wird so radikal kapitalistisch auf Ausbeutung hin gearbeitet, wie in der Landwirtschaft: Menschen werden ausgebeutet, Tiere werden ausgebeutet, Grund und Boden werden ausgebeutet – alle Ressourcen werden gnadenlos ausgebeutet. Landwirtschaft in Europa funktioniert ja nur, weil in Südamerika der Regenwald zerstört wird, damit Proteine für unsere Tiere angebaut werden können. In keinem politischen System hält sich die Idee des Kolonialismus dermaßen stark wie in der Landwirtschaft – und in unserem Essen. Und kein Mensch geht darauf ein...
Jenen Institutionen, die wir als Zivilgesellschaft und politischen Systeme betrachten, können wir nicht vertrauen. Deshalb ist der Zeitpunkt gekommen, wo wir andere Wege der Veränderung gehen müssen. Deshalb träume ich von dieser subversiven Kraft der neuen Medien.

Wenn wir uns vorstellen, wenn ein Fleisch auf unseren Teller kommt, was da alles bewegt werden muss auf der Welt: da wird der Regenwald nieder gebrannt, wird auf ungeeignetem Grund und Boden gentechnisch manipuliertes Soja angebaut. Das heißt, man muss Kunstdünger und Pestizide in gigantischem Ausmaß einsetzen. Gleichzeitig werden indigene Bevölkerungsgruppen vertrieben und ausgerottet. Hierzulande werden viele Tiere dann in schlimmsten Zuständen gehalten, nur für den Endzweck gemacht: Mast, Zunahme, Schlachten. An vielen Höfen gibt es schreckliche Zustände – und wir nehmen das alles einfach so hin?

In keinem Gesellschaftssystem, in keiner Arbeitswelt, lebt der Kapitalismus in seiner rohen Urgewalt so stark weiter wie in der Landwirtschaft und der Erzeugung von Essen. Stichwort Afrika: Wir haben soviel Geld nach Afrika geschickt und nichts ist passiert. Jetzt übernehmen zunehmend Inder und Chinesen die afrikanische Landwirtschaft. Die Einheimischen, die dort ohne Grundbucheintragungen seit Jahrhunderten ihr Getreide, ihr Gemüse angebaut haben, werden verjagt. Hunderttausende Hektar Flächen werden zusammengelegt und industriell betrieben. Jeder weiß aber jetzt schon, dass mit dieser Form der industriellen Landwirtschaft der Boden, das Wasser, die Landschaft in ein paar Jahren kaputt sein wird.

Wie glauben Sie, kann man diese dramatischen Entwicklungen stoppen eine Wende erzeugen? Braucht es so etwas wie einen Reset-Knopf - einen Neustart?

Vor zwanzig Jahren hatte ich einschneidende Erlebnisse, die mir gezeigt haben, wie groß die Angst starker Wirtschaftsunternehmen vor der Mobilität, vor der Kraft der Konsumenten ist. Bildlich gesprochen: nur ein kleines Mäuschen hat sich geregt und schon war die Aufregung in den Chef-Etagen gewaltig. Spätestens seitdem weiß ich, was niemand dort wissen möchte: die Kraft der Konsumenten ist eine unglaublich große. Mit jedem Cent, mit jedem Euro den der Konsument einsetzt, bewegt er etwas. Wir haben jede Sekunde eine Abstimmung, wie es auf der Welt weitergehen soll und Lebensmitteln produziert werden sollen. Mit jedem Kauf von einem Produkt, stimmt der Konsument darüber ab, ob er zufrieden ist damit, wie dieses hergestellt wurde.
Es geht nicht um große Aufrufe oder Demonstrationen, es geht um kleine Schritte. Es gilt beim täglichen Einkauf zu überlegen, für was ich mein Geld ausgebe. Dieser Kaufakt bestimmt im Grunde unsere Zukunft. Es ist sehr leicht für jeden Einzelnen sofort tätig zu sein und sofort etwas zu bewirken.



Interview: Helmut Wolf